Mercator-Hondius-Atlas 1613, 1633 [Hd 28 X], [Hd29 X]
Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war eine Zeit rasanter Umwälzungen und großer Fortschritte in der wissenschaftlichen Kartographie, die untrennbar mit dem Namen Gerhard bzw. Gerardus Mercator verbunden sind. Mercator war einer der ersten, der Landkarten zu einem Kartenwerk in Buchform zusammenfügte, welches er „Atlas“ taufte.
Unsere Bibliothek besitzt Exemplare der Mercator-Hondius-Atlanten von 1613 und 1633, deren Vergleich die ständige Zunahme der topographischen Kenntnisse zeigt, die Gestalt Südamerikas etwa wandelt sich radikal, die Insel Korea wird zur Halbinsel.
Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war eine Zeit rasanter Umwälzungen und großer Fortschritte in der wissenschaftlichen Kartographie, die untrennbar mit dem Namen Gerhard bzw. Gerardus Mercator verbunden sind. Mercator, eigentlich Gerhard De Kremer, wurde 1512 in Rupelmonde bei Antwerpen geboren, studierte später Theologie, Philosophie und Mathematik bei Gemma Frisius an der Universität Löwen, Astronomie, und Kupferstichtechniken brachte er sich im Selbststudium bei.
Schon zu Lebzeiten galt Mercator als einer der größten Geo- oder Kosmographen seiner Zeit und war auch als Instrumenten- und Globenbauer berühmt.
Eine seiner herausragenden Leistungen war die Entwicklung der nach ihm benannten winkeltreuen Projektion zur Erleichterung der Navigation, die bis heute von Bedeutung für die See- und Luftfahrt ist. Einige Kulturwissenschaftler sorgten in jüngerer Zeit für Furore, indem sie die Mercator- Projektion für den vorherrschenden Eurozentrismus verantwortlich machten, da sie mit zunehmender Entfernung vom Äquator zu deutlichen Verzerrungen führt und Europa somit überproportional groß wirkt.
Mercator war auch einer der ersten, der Landkarten zu einem Kartenwerk in Buchform zusammenfügte, von ihm stammt der Begriff Atlas. Gemeint war damit allerdings nicht, wie später meist angenommen, der Titan und Atlas der griechischen Mythologie, der auf dem Titelblatt der Ausgabe von 1633 die Welt auf seinen Schultern trägt, sondern der sagenhafte mauretanische König Atlas, der ein großer Astronom und Kosmograph gewesen sein soll. Diese Symbolfigur ist auf dem Titelblatt der 1613er Ausgabe beim Vermessen der Erdkugel dargestellt, umgeben von Frauenfiguren, die die sechs Erdteile verkörpern, Königin Europa, Asien, Peruana (Südamerika, eine Indianerin), Magalanica, eine nackte Dame mit einer Fackel, die den hypothetischen Kontinent Feuerland symbolisiert, Mexicana, die in unserem Exemplar leider fehlt, und Africa.
Ursprünglich plante Mercator mehr als eine Zusammenstellung von Karten, vielmehr wollte er ein umfassendes kosmographisches Werk über die Schöpfung und über den Ursprung und die Geschichte des Geschaffenen anfertigen- er kam immerhin bis zu einem Traktat über die Erschaffung der Welt, das später als Einleitung des Atlas verwendet wurde.
Ein erster Teil des Mercator-Atlas, eine Überarbeitung der ptolemäischen Karten, erschien bereits 1578, 1585 folgten Kartenreihen von Frankreich, Deutschland und Holland. Mercator wurde jedoch ein Opfer seines Perfektionismus und zögerte die Publikation in der Hoffnung auf neue Informationen hinaus, so dass er 1594 vor Fertigstellung des Großprojekts starb. Der Atlas wurde von seinem Sohn Rumold ergänzt, die insgesamt 107 Karten mit kurzen landeskundlichen Begleittexten, einer Biographie Mercators verfasst von dem Duisburger Magistraten Walter Ghim und Mercators Text „De mundi creatione et fabrica liber“ wurden 1595 publiziert. diese Auflage war aber wenig erfolgreich und wurde vom Theatrum Orbis Terrarum (1570) des Abraham Ortelius weitestgehend verdrängt.
1604 wurden die Kupferplatten des Mercator-Atlas an den flämischen Kupferstecher, Kartographen und Verleger Jodocus Hondius verkauft, der das Werk um 37 Karten erweiterte, die zum Teil von ihm selbst stammten- insbesondere ergänzte er 7 Karten der Iberischen Halbinsel, die bei Mercator völlig gefehlt hatte, und Detailkarten von Afrika, Asien und Amerika. Hondius bezeichnete sich selbst zwar nur als Herausgeber, seine Nachfahren sehen seinen Beitrag aber als genauso wichtig an wie den Mercators, weshalb ab 1613 das berühmte Doppelportrait der beiden Kartographen eingefügt wird.
Hondius' Ausgabe war ein Riesenerfolg, es folgten zahlreiche erweiterte Ausgaben durch Hondius und seine Erben, auch eine „Taschenbuchausgabe“, der Atlas Minor. Mit den Mercator-Hondius-Atlanten begann der weltweite Siegeszug des Atlas, dessen inzwischen über 400-jährige Erfolgsgeschichte sich auch in den elektronischen Kartenwerken und Satellitenbildatlanten der Gegenwart, etwa Google Earth, fortsetzt.
Hortus Eystettensis [Jb 12X]
Das Pflanzenbuch, das das Herz jedes Blumen- und Bücherliebhabers höher schlagen lässt, ist der berühmte Hortus Eystettensis. Da Einzelblätter aus dem Hortus teuer gehandelt werden sind komplette Exemplare selten, die Suso-Bibliothek ist jedoch im Besitz eines solchen Schatzes. Unserem Exemplar von 1640 fehlen lediglich 12 Blätter, die aber offenbar nicht nachträglich entfernt sondern versehentlich nicht eingebunden wurden. Schon äußerlich ist der botanische Prachtband beeindruckend, hat er doch die Maße 46cm x 58cm und wiegt etliche Kilogramm. Restlos begeistert ist aber, wer den großen Folianten aufschlägt…
Hortus Eystettensis ist der lateinische Kurztitel des berühmten botanischen Prachtwerkes Hortvs Eystettensis, Sive Diligens Et Accvrata Omnivm Plantarvm, Florvm, Stirpivm, Ex Variis Orbis Terrae Partibvs, Singvlari Stvdio Collectarvm Qvae In Celeberrimis Viridariis Arcem Episcopalem Ibidem Cingentibvs, Hoc Tempore Conspicivntvr Delineatio Et Ad Vivvm Repraesentatio (Der Garten von Eichstätt, oder sorgfältige und genaue Aufzeichnung und naturgetreue Darstellung all jener mit einzigartigem Fleiß aus den verschiedenen Erdteilen zusammengetragenen Pflanzen, Blumen und Bäume, die in den berühmten Gärten den Bischofsitz daselbst umgeben und dort betrachtet werden können).
Das 1613 erstmals erschienene Herbarium des Nürnberger Apothekers Basilius Besler zeigt in 367 ganzseitigen Kupferstichen 1.084 Pflanzen aus dem Garten von Eichstätt, rund um die Sankt Willibaldsburg hoch über der historischen Bischofsstadt gelegen. Johann Conrad von Gemmingen, der kunstsinnige Fürstbischof von Eichstätt, hatte den von seinem Vorgänger angelegten Garten mithilfe des gefeierten Arztes und Botanikers Joachim Camerarius und nach dessen frühem Tod mit Unterstützung Beslers, neu gestaltet und zu einem der berühmtesten Gärten Europas gemacht.
Die Suso-Bibliothek besitzt ein Exemplar der 4. Auflage von 1640 mit dem Eigentumsvermerk des Collegium Societas Jesu Constantiae von 1655. Ob das Exemplar gekauft wurde oder durch Schenkung in den Besitz der Jesuiten gelangte, ist nicht zu erkennen. Wie fast alle Exemplare dieser Auflage ist es nicht koloriert, zweifellos aus Kostengründen, hatte man doch für ein handkoloriertes Exemplar der Erstausgabe die immense Summe von 500 Gulden zahlen müssen- zum Vergleich, ein stattliches Haus kostete damals etwa 2500 Gulden. Die fehlende Kolorierung wird jedoch durch eine ausführliche Beschreibung der Farben im Inhaltsverzeichnis ersetzt. Auch auf die ursprünglich den einzelnen Abbildungen gegenübergestellten botanischen Beschreibungen wurde verzichtet, da sie wissenschaftlich überholt waren.
Einen Teil der Faszination dieses Buches macht die minutiöse Genauigkeit der Pflanzendarstellungen aus, exakt bis in die letzte botanische Einzelheit so dass man jede Pflanze anhand ihrer Blüten, Staubgefäße, Blattformen, Stängel, Wurzeln, Zwiebeln usw. identifizieren kann. Sie beruht aber auch auf der Ästhetik und künstlerischen Qualität der Darstellungen, die Einzelblätter aus dem Hortus bis heute zu begehrten Sammelobjekten und beliebtem Wandschmuck machen. Das übergroße Format der Kupferstiche (95x 55cm) erlaubt es außerdem, einen Großteil der Pflanzen und Blüten in natürlicher Größe abzubilden.
Im Gegensatz zu früheren botanischen Werken, die vor allem Anleitungen zur Selbstmedikamentation mit Kräutern gaben, ist der Hortus kein Arzneibuch, lediglich etwa 250 der dargestellten Pflanzen wurde Heilwirkung zugesprochen. Auch als botanisches Lehrwerk hatte er keine große Bedeutung, der Verfasser greift vielmehr überwiegend auf zeitgenössische Fachliteratur zurück, insbesondere auf Kräuterbücher des 16. Jahrhunderts, z.B. diejenigen von Hieronymus Bock, Leonhart Fuchs, und Jakob Theodor, genannt Tabernaemontanus, die teilweise ebenfalls in der Suso-Bibliothek vertreten sind. Eine botanisch-wissenschaftliche Systematik, etwa als Vorläufer des erst über hundert Jahre später aufgestellten Linné'schen Systems der Klassifizierung der Pflanzen, existiert noch nicht. Geordnet sind die Pflanzen nach der Jahreszeit ihres Erscheinens in CLASSIS VERNAE – Die Frühlingsblumen, CLASSIS AESTIVIA - die Sommerblumen und CLASSIS AUTUMNALIS - die Herbstblumen, aus dem einfachen Grund dass die blühenden Pflanzen je nach Jahreszeit nach Nürnberg zu Besler geschickt wurden, um von diesem dann abgezeichnet und in Kupfer gestochen zu werden.
Der Klasse der Herbstblumen sind auch einige exotische Pflanzen EX NOVO ORBE, also aus Amerika, beigefügt. Hier finden sich etwa Nicotina maior angustifolia oder schmalblätericht Indianisch Wundkraut, womit nichts anderes als die Tabakpflanze gemeint ist, die Tomate ist als Poma amoris/ Lieböpffel ebenso vertreten wie zahlreiche Chili-Sorten (Indianischer Pfeffer) oder die Kartoffel, solanum pomiferum, noch nicht als Nutz- sondern als ungewöhnliche Zierpflanze. Auch verschiedene Kakteenarten sind dargestellt, etwa ein als Melocactus oder Melonendistel bezeichneter Kugelkaktus, da die Spanier bei ihrer Ankunft in der Neuen Welt die unbekannten stachligen Gewächse Disteln genannt hatten, oder ein bereits auf dem Frontispiz erscheinendes Prunkstück des Eichstätter Gartens, eine gewaltige Opuntie (Feigenkaktus), die durch ein Holzgerüst gestützt werden musste.
Der ursprüngliche Eichstätter Garten ist längst zerstört, doch sein Ruhm überdauert in Beslers Prachtband, der seine Betrachter bis heute begeistert. Die überraschende Wiederentdeckung eines Großteils der seit zwei Jahrhunderten verschollenen und als zerstört geltenden Druckplatten im Depot der Albertina 1994 zog eine Reihe von Ausstellungen und wissenschaftlichen Publikationen zu Buch und Garten nach sich, eine faksimilierte Prachtausgabe des ganzen Werks, die erste vollständige und farbige Neuauflage seit fast 400 Jahren, ist 1998 beim Schirmer Mosel Verlag erschienen und verschiedene zeitgenössische Künstler und Gartenarchitekten suchen Inspiration im Hortus Eystettensis.
Eine sehr gute, komplett digitalisierte Version einer teilweise kolorierten Erstausgabe des Hortus Eystettensis findet sich in der Digitalen Bibliothek des Real Jardín Botánico, Madrid, unter http://bibdigital.rjb.csic.es/. Die filigrane Schönheit der Abbildungen lässt sich jedoch schwerlich in Worte fassen und nur sehr unvollkommen in notwendigerweise verkleinerten digitalen Abbildungen wiedergeben und erschließt sich erst bei der Betrachtung des Originals.
Galilei und die Jesuiten – Ein Fund zur Astronomiediskussion
Der Prozess gegen Galilei, sein Kampf gegen die Kirche sind bekannt. Dass kirchliche Astronomen, vor allem aus dem Orden der Jesuiten keinesfalls die verbohrten Ignoranten waren, für die man sie hielt, zeigt ein kleines Bändchen unserer Bibliothek. Es erschien 1614 unter der Ägide von Christoph Scheiner, einem der bedeutendsten jesuitischen Astronomen in Ingolstadt und diskutiert die aktuellen astronomischen Entdeckungen.
Dabei werden auch Galileis Entdeckungen (u. a. Phasen der Venus, Jupitermonde) behandelt und sogar in ihren Konsequenzen akzeptiert.
(Weitere Inhalte folgen.)
Fragt man nach Galilei, so fällt den meisten Schülerinnen und Schülern, sofern sie den Namen schon einmal gehört haben, der Inquisitionsprozess gegen den Astronomen ein. Die meisten wissen auch noch, dass Galilei das kopernikanische System verteidigt hat, und die Kirche, reaktionär wie sie war, dies für Ketzerei hielt, und daher Galilei wegen Ketzerei angeklagte. Galilei hat, nachdem ihm die Folterinstrumente gezeigt wurden, widerrufen und so sein Leben gerettet. So ähnlich kann man es auch in Johannes Hemlebens Bildmonographie "Galilei" nachlesen.[1]
Wer sich intensiver mit Galilei und seinem Prozess beschäftigt, und Deutschlehrer tun dies zur Zeit, da Brechts Theaterstück "Leben des Galilei" Pflichtlektüre im Grundkurs ist, wird allerdings sehr schnell merken, dass der tatsächliche Ablauf anders aussah. Wer sich also durch die entsprechende Lektüre durchgefressen hat, kann feststellen, dass Galilei nicht als Ketzer, sondern wegen Ungehorsams angeklagt und verurteilt wurde, da er das kopernikanische System nicht nur als Hypothese propagierte, sondern für wahr hielt. In einem ganz anderen Licht erscheint auch die Kirche, sie stand damals der Wissenschaft keineswegs feindlich gegenüber. Aus den Reihen der Jesuiten stammten vielmehr etliche bedeutende Astronomen wie bspw. Clavius oder Scheiner, die in ihren Forschungen durchaus auf der Höhe der Zeit waren. Die verbohrten Ignoranten, die auch in Brechts Stück auftauchen, kamen vielmehr aus den damaligen Universitäten.[2]
Da wir in der glücklichen Lage sind, eine Bibliothek zu besitzen, die von Jesuiten aufgebaut wurde, lag es nahe, einmal zu schauen, ob sich nicht in unseren Beständen die eine oder andere zeitgenössische Schrift finden würde. Beim Stöbern stieß ich auf ein Bändchen mit dem vielversprechenden Titel: "Disquisitiones mathemicae de controversiis et novitatibus astronomicis". Es behandelt also die Kontroversen und Neuheiten der Astronomie. Verfasser ist ein Herr Locher, Baccalaureus der Künste[3] und der Philosophie, Student der Jurisprudenz, und das Buch erschien im Jahr 1614. Die Untersuchungen wurden unter der Schirmherrschaft des bedeutenden jesuitischen Astronomen Scheiner, Professor an der katholischen Universität Ingolstadt, vorgelegt und gedruckt.[4] Sein Name prangt auch unübersehbar auf dem Titelblatt. An diesem Bändchen konnte es sich also erweisen, was die offizielle kirchliche Astronomie von Galilei und seinen Entdeckungen hielt.
1610, also vier Jahre zuvor, war Galileis Werk "Siderius nuncius" (Sternenbote) erschienen und dort veröffentlichte er seine neuen Entdeckungen: Die Mondgebirge, die nahelegten, dass der Mond der Erde ähnlich ist, die Jupitermonde, die zeigten, dass die Planeten nicht - wie von Aristoteles postuliert - an Kristallsphären festgemacht sind, die Phasen der Venus, die beweisen, dass die Venus sich um die Sonne bewegt. 1613 reklamiert Galilei dann die Entdeckung der Sonnenflecke[5] für sich und gerät mit Scheiner darüber in einen Prioritätsstreit. All diese Entdeckungen waren nach Galilei der Beweis dafür, dass die Erde und die Planeten sich um die Sonne drehen.
Werfen wir nun einen Blick in Lochers Disquisitiones. Und schon beim Durchblättern wird klar: Hier werden wirklich die Novitäten der Astronomie, also Galileis Entdeckungen diskutiert. Wir finden eine Darstellung des kopernikanischen Systems, die Abbildung des Mondes mit Beschreibung der zugehörigen Berge und Täler, wir finden die Darstellung der Venusphasen und die Jupitermonde. Und aus diesen Beobachtungen werden die entsprechenden Schlussfolgerungen gezogen. So heißt es bei der Beschreibung der Venusphasen: "E quibus illuminationibus necessario Soli circumducitur" (Wegen dieser Beleuchtungserscheinungen wird sie [die Venus] notwendigerweise um die Sonne herumgeführt). Bei der Beschreibung der Jupitermonde werden die Umlaufzeiten der Monde, die Galilei im Siderius Nuncius angibt, sogar verbessert, Locher hat also offensichtlich noch aktuellere Literatur konsultiert.
Die Phasen der Venus
Abgesehen von den schönen Holzschnitten, die das Büchlein zu einem kleinen Schatz machen, ist es ein Beleg dafür, dass die kirchlichen Wissenschaftler durchaus auf der Höhe der Zeit waren. Und wenn sie dem kopernikanischen System kritisch gegenüber standen, so hatten sie sogar eher Recht als Galilei. Die Kreisbahnen, die Kopernikus annahm, beschreiben die Planetenbahnen nur unzureichend. Kepler fand 1609 heraus, dass sich die Planeten tatsächlich auf Ellipsenbahnen bewegen. Und obwohl Kepler und Galilei Briefe wechselten und über ihre Forschungen diskutierten, hat Galilei Keplers revolutionären Durchbruch nie zur Kenntnis genommen.
Abbildung des Mondes mit seinen Gebirgen
Während Kepler seinen neuplatonischen Ansatz, den er in seinem Werk "Harmonice mundi" (Die Weltharmonie) vertrat, später korrigierte, da er mit seinen Berechnungen nicht übereinstimmte, blieb Galilei stur bei seiner einmal gefassten Meinung und vertrat diese genauso starrköpfig wie undiplomatisch. Die Haltung, die Kardinal Bellarmin, Chef des Heiligen Officiums, in einem Brief an Paolo Antonio Foscarini vertrat, war der damaligen Situation viel eher angemessen:
Ich halte dafür: wenn es wahrhaft bewiesen würde, dass die Sonne im Mittelpunkt der Welt und die Erde im dritten Himmel steht und dass nicht die Sonne die Erde umkreist, sondern die Erde die Sonne umkreist, dann müsste man sich mit großem Bedacht um die Auslegung der Schriften bemühen, die dem zu widersprechen scheinen, und eher sagen, dass wir es nicht verstehen, als zu sagen, das Bewiesene sei falsch. Aber ich werde nicht glauben, dass es einen solchen Beweis gibt, solange es mir nicht bewiesen worden ist; es ist nicht dasselbe, ob man den Beweis für die Annahme erbringen will, dass die Erde im Mittelpunkt steht und die Sonne am Himmel, und damit der Augenschein gewahrt wird, oder ob man zu beweisen sucht, dass die Sonne in Wirklichkeit im Mittelpunkt steht und die Erde am Himmel; denn vom ersten Beweis glaube ich, dass er möglich sein könnte, aber bezüglich des zweiten hege ich größten Zweifel, und im Zweifelsfalle darf man nicht von der Heiligen Schrift und der Auslegung der Kirchenväter abrücken.[6]
Im Übrigen gehört es auch zu den Legenden der Wissenschaftsgeschichte, dass Kopernikus aus Angst vor der Kirche sein Werk "De revolutionibus orbium coelestium" erst kurz vor seinem Tod veröffentlichte. In Wirklichkeit war es genau umgekehrt: Kirchliche Würdenträger drängten ihn zur Veröffentlichung. Dass dieses Werk im Jahr 1616 auf den Index kam, hatte machtpolitische Gründe, und schon in den 20er Jahren war das Klima - vor allem seit Kardinal Barberini 1623 Papst geworden war - wesentlich liberaler geworden. Dass in seine Amtszeit der Prozess gegen Galilei fällt, hat mit mehr mit Weltpolitik zu tun als mit einer wissenschaftlichen Kontroverse.
Der Prozess gegen Galilei war ein Markstein in der Wissenschaftsgeschichte und hatte Folgen, die die Kirche sicher nicht beabsichtigt hatte. Die Zentren wissenschaftlicher Arbeit verlagerten sich in protestantische Länder wie die Niederlande und nach England. Die Trennung von Wissenschaft und Kirche nimmt hier ihren Anfang, ob dies immer gut war, bleibt fraglich.[7] Dass heute die Stelllungnahme der katholischen Kirche zur Gentechnik hinten auf der fünften Seite der Süddeutschen Zeitung erscheint, ist letztlich eine Folge dieses Prozesses. Auch Brecht, dessen Galilei ein glühender Verfechter der Freiheit der Wissenschaft und der Vernunft ist, hat seine Einstellung angesichts des Atombombenabwurfs auf Hiroshima korrigiert und die 14. Szene seines Stückes umgeschrieben. Dort sagt Galilei: Ich halte dafür, daß das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern.[8]
Der Jupiter mit seinen Monden
[1] Johannes Hemleben: Galilei, rororo Bildmonographien, Reinbek 1969ff
[2] vgl. z.B. Feyerabend, P.: Irrwege der Vernunft, Frankfurt 1989
Brandmüller, Walter: Galilei - Ein Forscher im geistesgschichtlichen Spannungsfeld des Barock, in: Uta Lindgren (Hrsg): Naturwissenschaft und Technik im Barock, Köln, Weimar, Wien 1997
Brandmüller, W.: Galilei und die Kirche. Ein Fall und seine Lösung, Aachen 1994
Redondi, P.: Galilei - der Ketzer, München 1989
[3] Gemeint sind die sieben freien Künste, zu denen auch Astronomie, Arithmetik und Geometrie zählen.
[4] Alle Abbildungen sind diesem Band entnommen
[5] Veröffentlicht in Istoria intorno all macchie solari, 1613
[6] Aus: Galileo Galilei, Schriften, Briefe, Dokumente. Herausgegeben von Anna Madry, München 1987
[7] Vgl. dazu Feyerabend, P.: Irrwege der Vernunft, Frankfurt 1989
[8] Brecht: Leben des Galilei, Frankfurt 1962, S. 125
Andreas Vesalius: De humani corporis fabricia libri septem [Jb 32X]
1543 erschien in Basel das großformatige und großvolumige Werk über Anatomie des menschlichen Körpers. Es ist in sieben Bücher aufgeteilt, die der Reihe nach die menschlichen Knochen, Muskeln, Venen, Arterien, Organe des Unterleibes, des Brustkorbes und des Kopfes beschreiben.
Ganz besonders eindrücklich wird das Werk aber durch seine über 250 Holzschnitte, die teilweise von Vesalius, zum größten Teil aber aus der Schule Tizians in Venedig stammen. Berühmt sind darunter die ganzseitigen Skelettdarstellungen, die auch an die Vergänglichkeit alles Irdischen gemahnen sollen, und die vierzehn Abbildungen von Muskelmännern vor einer Landschaft aus der Provinz Padua.
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1543 erschien in Basel das großformatige und großvolumige Werk über die Anatomie des menschlichen Körpers. Der Verfasser, Andreas Vesalius (1514 - 1564) war gerade 29 Jahre alt, als sein Werk erschien. Es ist in sieben Bücher aufgeteilt, die der Reihe nach die menschlichen Knochen, Muskeln, Venen, Arterien, Organe des Unterleibes, des Brustkorbes und des Kopfes beschreiben. Das Werk entstand in der Zeit, als Vesalius an der Universität Padua lehrte, wo er 1537 promoviert hatte.
Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die aus den Texten des griechischen Arztes Galen (129 - 199) vorlasen, während parallel dazu ein Barbier die entsprechenden Teile der auf dem Seziertisch liegenden Leiche freilegte, führte Vesalius das Messer selbst. Er sezierte und dozierte gleichzeitig. In dieser Tätigkeit ist er auch auf dem Frontispiz seines Werkes abgebildet. Vesalius wies so über 200 Fehler der traditionellen Medizin nach.
Ganz besonders eindrücklich wird das Werk aber durch seine über 250 großartigen Holzschnitte, die teilweise von Vesalius, zum größten Teil aber aus der Schule Tizians in Venedig stammen, manche Autoren nennnen von Calcar als Künstler. Berühmt sind darunter die ganzseitigen Skelettdarstellungen, die auch an die Vergänglichkeit alles Irdischen gemahnen sollen, und die vierzehn Abbildungen von Skeletten und Muskelmännern vor einer Landschaft aus der Provinz Padua.
Vesalius war der Druck des Werkes so wichtig, dass er eigens nach Basel reiste, um bei der Drucklegung mit zu helfen. Auch der Drucker, Johannes Oporion tat sein Bestes: Er fertigte sogar eigens ein Alphabet von Zierinitialien an, auf denen Putten bei medizinischen Tätigkeiten zu sehen sind. Dass ein solcher Prachtband nicht billig war, zeigt das Titelblatt des Bandes, den die Zentralbibliothek Zürich besitzt. Dort ist der Kaufpreis von 10 Pfund vermerkt, dies entsprach fast einem Monatslohn der Pfarrstelle des Erstbesitzers. An Vesalius' Aufenthalt in Basel erinnert heute noch ein Skelett, das in der historischen Abteilung der Basler Anatomischen Sammlung steht. Nach einer öffentlichen von Vesalius durchgeführten Sektion wurde das Skelett des Elsässers Jacob Karrers präpariert, der wegen versuchten Totschlags an seiner Frau hingerichtet worden war.
Die Suso-Bibliothek besitzt nicht die Erstausgabe, unsere Ausgabe trägt auf dem Buchrücken und im Druckvermerk auf der letzten Seite die Angabe: "Basel 1555", es handelt sich also um die zweite Ausgabe des Werkes. Leider hat der Band einen Wasserschaden, was auf den Abbildungen teilweise zu sehen ist, und die ersten Seiten sind teilweise eingerissen, der Einband beschädigt. Mit den Mitteln aus dem Restaurationsfond wird es aber möglich sein, das großartige Werk im Jahr 2002 zu restaurieren.